Erhält der Kreis Neumarkt (Powiat Średzki) ein chinesisches Gesicht?
Vom ehemaligen Intel-Standort zum polnisch-taiwanesischen Technologiepark: Milliardeninvestitionen, neue Arbeitsplätze u. eine gepl. Stadt mit bis zu 40.000 Einwohnern könnten d. Kreis Neumarkt in Niederschlesien einen enormen Entwicklungsschub verleihen.
Wer in den vergangenen zwei Jahre wiederholt von Neumarkt (Środa Śląska) aus mit dem Auto auf der alten deutschen Reichsstraße 5, der heutigen polnischen N 94, in Richtung Breslau (Wrocław) gefahren ist, konnte bemerkenswerte Veränderungen des Landschaftsbildes zur linken Hand, also zur Oder hin, zwischen den Dörfern Kammendorf (Komorniki) und Borne (Żródła) beobachten. Dort wurden riesige Ackerflächen bis an das Dorf Kadlau (Kadłub) heran der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen, planiert und für die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe vorbereitet. Auch der Teil der Verbindungsstraße zwischen den Dörfern Kadlau und Lampersdorf (Juszczyn), der sich zwischen der alten deutschen Reichstraße 5 und dem Dorf Kadlau befindet, fiel dieser Vorbereitungsmaßnahme zum Opfer. Seit dem Herbst des Jahres 2025 konnten auf den nun planierten und für die Ansiedlung neuer Industrie- und Gewerbebetriebe vorbereiteten Flächen, die zum größeren Teil in der Gemeinde Nimkau (Miękinia) und mit kleinerem Teil in der Gemeinde Neumarkt liegen, keine Aktivitäten mehr beobachtet werden.
Im Sommer 2026 begannen dann Bauarbeiten an der bereits genannten ehemaligen Reichstraße 5, der heutigen polnischen N 94. Der bisherige Verlauf dieser Straße war zwischen den Dörfern Kammendorf und Borne schnurgerade. Ein großes Baustellenschild zeigt, dass deren zukünftiger Verlauf nicht mehr gerade, sondern in Verbindung mit einem großdimensionierten Kreisverkehr, der die Kreuzung ehemalige Reichsstraße 5/ Verbindungsstraße Kadlau – Lampersdorf ersetzt, eine leicht geschwungene Führung haben wird. Tatsächlich sind die Arbeiten an dieser Straßenbaumaßnahme bereits fortgeschritten und dauern an.
Um den Hintergrund für diese gewaltigen, das gewohnte Bild drastisch verändernden Baumaßnahmen zu verstehen, waren die Kontakte zu Mieczysław Kudryński aus Buchwald (Bukówek), Ehrenmitglied des Neumarkter Vereins e.V. Hameln, und zu Sebastian Burdzy, Landrat des Kreises Neumarkt, äußerst hilfreich. Dabei wurde sehr schnell deutlich, dass meine beschriebenen Beobachtungen nicht isoliert in Verbindung mit dem Kreis Neumarkt gesehen werden dürfen, sondern global einzuordnen sind und mit den USA und Taiwan in Verbindung stehen.
Anfang der 2020er Jahre suchte der US-amerikanische Halbleiterhersteller Intel aus dem kalifornischen Santa Clara/ Silicon Valley – Intel ist ein bekannter und großer Produzent von PC-Mikroprozessoren und anderer elektronischer Bauteile – nach Produktionsstandorten in Europa und wurde fündig und zwar an zwei Standorten: Am 15. März 2022 verkündete Intel sein Engagement in Magdeburg/ Sachsen-Anhalt und am 16. Juni 2023 machte Intel seinen Einstieg im schlesischen Neumarkt öffentlich mit milliardenschweren Investitionen an beiden Standorten. Sowohl in Magdeburg als auch in Neumarkt war der Investor sehr willkommen. Die lokalen Behörden begannen umgehend mit den notwendigen Vorbereitungen für die Investitionen. Doch es kam anders. Intel geriet in wirtschaftliche sowie finanzielle Schwierigkeiten und legte im Herbst 2024 die Projekte Magdeburg und Neumarkt/ Schlesien auf Eis. Am 25. Juli 2025 dann verabschiedete sich Intel von beiden Projekten, um in einen Konsolidierungsprozess einzusteigen.
Im Frühjahr/ Sommer 2026 gelang es den lokalen und nationalen polnischen Behörden, einen Nachfolgeinvestor für das nun wieder freie Riesengrundstück in den Gemeinden Nimkau und Neumarkt zu finden. Der taiwanesische Elektronikverband TEEMA und die taiwanesische Firma FOXCONN – diese Firma ist der größte Hersteller für elektronische Produkte weltweit und hat u. a. auch Produktionsstätten in der Volksrepublik China – beabsichtigen, in Nimkau/ Neumarkt auf einer rund 150 Hektar großen Teilfläche des insgesamt 400 Hektar großen vorbereiteten Geländes einen Technologiepark zu initiieren, um den sich herum weitere Firmen ansiedeln sollen. Gesichert ist bereits, dass der Technologiepark mit dem Projekt „Polnisch-taiwanesisches Elektroauto“ in Jaworzno östlich von Kattowitz (Katowice) zusammenarbeiten soll.
In Gesprächen mit Neumarkts Landrat Burdzy und Ehrenmitglied des Neumarkter Vereins Kudryński wurde auch sehr deutlich, dass die beabsichtigten Investitionen in Milliardenhöhe hochwillkommen sind und der Stadt und dem Kreis Neumarkt sowie ganz Niederschlesien einen Entwicklungsschub bringen werden. Flankiert werden müssen diese Investitionen aber auch von Infrastrukturmaßnahmen der Gemeinden des Kreises Neumarkt sowie des Kreises selbst und den niederschlesischen Wojewodschaftsbehörden sowohl für die zu erwartende Arbeiterschaft als auch für deren Familien. Einige Tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz unterschiedlicher Professionen werden für Technologiepark und für die im Umfeld des Parks anzusiedelnden Firmen erwartet. Benötigt werden für sie Häuser und Wohnungen in nicht geringer Zahl, Geschäfte, Schulen Kindergärten etc. müssen errichtet, Straßen gebaut werden. Angedacht ist daher die Gründung einer neuen Stadt mit bis zu 40.000 Einwohner im Kreis Neumarkt, der heute ca. 61.000 Einwohner zählt. Ein gewaltiger Zuwachs, der sich aber im Wesentlichen nicht aus Chinesinnen und Chinesen, sondern aus Polinnen und Polen sowie aus Angehörigen anderer europäischer Nationen rekrutieren wird. Die angedachte neue Stadt im Kreis Neumarkt werde nicht den Namen “Chinatown/ Kreis Neumarkt“ erhalten und er selbst sehe für sich auch keine Notwendigkeit, die chinesische Sprache zu erlernen, so Landrat Sebastian Burdzy! Dennoch wird es zukünftig so sein, dass in Kindergärten, Schulen, Geschäften etc. der kreisangehörigen Gemeinden und des Kreises Neumarkt und darüber hinaus vermehrt chinesische Gesichter zu sehen sein werden – was auch ein Mehr an Internationalität im Kreis Neumarkt bedeutet!